Begegnung

Leise öffnet er die Wohnungstür, macht im Treppenhaus kein Licht, damit keins in die Wohnung fällt. Er hat alles dabei, Rucksack, Jacke über dem Arm, Fahrradhelm, check. So leise wie möglich zieht er die Tür hinter sich zu, doch das Schloss klemmt, rührt sich nicht, er erhöht den Druck, mit einem lauten Rums fällt die Tür ins Schloss. Stocksteif bleibt er stehen, Echos im Treppenhaus und in den Ohren. Er atmet aus. Bestimmt hat er sie jetzt geweckt, das wollte er nicht. Doch er kann es nicht ändern, er muss jetzt los. Halb eins, hoffentlich ist zuhause niemand mehr wach wenn er kommt, nicht Leo noch am Rechner zockend und nicht seine Frau im Wohnzimmer mit Mails beschäftigt. Er hatte keine Lust gehabt noch zu duschen, es war so ein wunderbarer Abend, so traumhaft schön wie aus der Zeit gefallen, wie ein großer bunter Rausch an Farben, Gerüchen, Gelächter und Liebe und Nähe und Liebe und Duft und Liebe… und jetzt musste er wirklich gehen.
Im grellen Licht des Treppenhauses zu stehen ist ihm zu viel, er geht sowieso lieber im Dunkeln und so tastet er sich mit kleinen Schritten an die Stufen heran. Vier Stockwerke unter ihm geht die Haustür auf und zu. Jemand kommt die Treppe hoch, doch auch der macht kein Licht.

Der Mann, der unten ins Haus kommt, setzt im Gehen den Fahrradhelm ab, ist fahrig und fummelt lange und umständlich am Verschluss, öffnet dann die Jacke, vom Radfahren ist ihm warm und von seiner Idee und seinem Wunsch wird ihm noch wärmer. Auf dem Weg hierher hat er entschieden, nicht nur vorbei zu fahren, sondern trotz der späten Stunde anzuhalten und zu schauen, ob sie noch wach ist. Ob sie ihn sehen möchte. Seine Nachricht hatte sie nicht geöffnet, sein Plan war nun, hochzugehen, an der Tür zu klopfen und zu hoffen, dass sie ihn hört. Klingeln wollte er nicht, denn wenn sie schlief, wollte er sie nicht wecken. Und so geht er etwas aufgeregt die Treppen hoch, mit Unruhe und Vorfreude möglicher Enttäuschung entgegensehend, doch dann hatte er es wenigstens versucht. Denn einfach so nach Hause zu fahren, Leo möglicherweise noch zockend vorm Rechner, seine Frau noch im Wohnzimmer, ihre mühsam verborgene gemeinsame Gereiztheit, das sollte nicht das Ende dieses Tages sein. Von oben hört er jemanden kommen. Das Treppenhaus ist dunkel, er geht gern im Dunkeln, doch wieso macht der andere kein Licht, seltsam.

Oben ist das Treppenhaus noch etwas heller, die Straßenlaternen haben einen anderen Einfallswinkel und seine Augen haben sich an das Dunkel gewöhnt. Er fühlt sich noch ganz weich und durchlässig, die Aussicht, jetzt auf‘s Rad steigen und durch die Dunkelheit fahren zu müssen, ist nicht schön. Doch er wird einen klaren Kopf bekommen auf der Fahrt und, nein, er will ihn nicht haben, diesen klaren Kopf, will lieber in der noch frischen Erfahrung schwelgen, dem Gefühl in den Fingerspitzen, der Weichheit und Wärme. Doch es wäre gut, all dies bis zuhause abgelegt zu haben.
Während er die Treppe runter geht, hört er, wie die andere Person von unten immer näher kommt.

Auf dem Weg nach oben kommt er langsam in einen schwereren Atem. Es ist ihm etwas unangenehm, so durch die Dunkelheit zu keuchen, doch oben, vor ihrer Tür, wird er sich sammeln, bevor er klopfen wird. Ob sie wohl wach ist? Es wird etwas heller im Treppenhaus je höher er kommt und stetig kommt ihm jemand von oben entgegen.
Noch ein Treppenabsatz, auf der nächsten Treppe werden sie sich begegnen. Er geht weiter nach oben, sieht die dunkle Gestalt gegen das hellere Fenster auf ihn zukommen, schnauft und sagte dabei: Guten Abend.

Als sie sich begegnen, kann er dem von unten kommenden Anderen voll ins Gesicht sehen. Es ist dunkel, doch das schwache Licht reicht vollkommen, um etwas vollkommen unwahrscheinliches sehen zu können. Und als der andere auch noch etwas atemlos mit seiner eigenen Stimme „Guten Abend“ sagt und sich an ihm vorbei schieben will, geht etwas mit ihm durch. Er hat ihn erkannt. Er hat sich erkannt. Der Mann, der da zu seiner Geliebten die Treppen hochgeht, ist der Mann, den er am besten kennt. Es ist der Mann, der seine Frau betrügt, seine Freunde und Kinder belügt und weder ihnen noch seiner Geliebten jemals gerecht wird. Der Mann, der sich schämt und grämt, wenn es ihm deutlich wird, doch diese Gefühle schnell beiseite schiebt, um weiter in seinem System zu funktionieren. Es ist der Mann, dem er jetzt mit der Faust ins Gesicht schlägt. Er hat das noch nie getan, das Blut pulst ihm in den Ohren als der andere mit einem kurzen und gedämpften Aufschrei an die Wand hinter sich prallt. Er schwankt auf der Treppe, das unten stehende Bein knickt weg und er rutscht und fällt die drei Stufen hinab bis zum Absatz, dort liegt er dann. Er sieht das geschehen, unbeteiligt, als wäre es ein Film.
„Was soll das?“ stöhnt der am Boden Liegende. Er rappelt sich etwas auf, hält sich das Gesicht, versucht, sich sitzend an die Wand zu lehnen.

Über ihm steht dunkel der Mann, der ihn gerade geschlagen hat, nur seinen Umriß kann er erkennen. Seine Brille ist runtergefallen, er hat Blut im Mund, in seinem Kopf dreht es sich und er kann den Fremden nicht wirklich fixieren. „Was soll das?“ fragt er nochmal lauter, „sind Sie verrückt geworden…?“ und kommt sich lahm dabei vor.

Unter ihm lehnt der Mann an der Wand, dem jetzt Blut aus der Nase läuft und der reflexhaft nach einem Taschentuch sucht. Er schaut sich an, was der da unten tut und weiß genau, wo seine Taschentücher sind. Er schwankt vor Wut und Abscheu. Verrückt geworden, gute Frage. Er hat noch nie einen Menschen so geschlagen, doch er muss sich zusammenreißen, um ihn nicht auch noch zu treten, als er an ihm vorbei muss. Während er mit ein paar großen Schritte die Treppe runter an ihm vorbei geht, zischt er ihm zu: „Sieh zu, dass du nach Hause kommst!“ Dann noch ein paar Stufen, Tür auf, nichts wie raus hier.

Der Mann auf der Treppe hält sich die Nase mit einem Taschentuch, findet seine Brille, die verbogen ist, aber nicht kaputt, setzt sie schief auf und schiebt sich selbst etwas weiter hoch zum Sitzen, versteht nichts. Noch nie ist er öffentlich geschlagen worden, noch nie ist er geschlagen worden, ohne dafür wenigstens einen Grund zu ahnen. Seine Rippen tun weh, seine Hüfte, sein Kopf, seine Nase, das linke Handgelenk, das Knie, überall Schmerzen. Doch es scheint nichts gebrochen. Was war das eben… Er hat dem Mann noch hinterhergesehen, hat befürchtet, er würde noch mal über ihn herfallen, doch der hatte, während er über ihn hinweg stieg, noch etwas gesagt, was war es… er solle machen, dass er nach Hause kam, so in der Art. Was, um Himmels Willen, hatte diesen Typen dazu gebracht, ihn einfach so zu schlagen? Ohne Grund! Während er sich sammelt, seinen Fahrradhelm aufklaubt und sich fragt, ob die Technik im Rucksack den Sturz überlebt hat, hört er, wie der andere draußen ein Fahrrad aufschließt. Mit zitternden Knien steht er langsam auf und macht das Licht im Treppenhaus an. Es schmerzt in den Augen. Sein geplantes Abenteuer ist einem anderen gewichen. Wie wird er das alles nur erklären. Kann er das überhaupt, er weiß es nicht.

Sieh zu, dass du nach Hause kommst, was für ein Hohn! Er hatte sich selbst verhöhnt damit. Und ist jetzt dabei, genau das zu tun, fährt nach Hause, tritt mit Wut in die Pedale, krallt sich am Lenker fest, die Stadt ist ein Parcours, ein Rodeo, hohes Tempo, pfeifender Wind in den Ohren.
Aber der Gedanke krallt sich ebenso fest, wie seine Finger die Handgriffe des Lenkers: Er hatte sich selbst verhöhnt. Sich zum Affen gemacht, unglaubwürdig bis über jede Grenze hinaus. Er hatte seine Frau, seine Familie, seine Geliebte, alle hatte er betrogen. Alle. Auch sich selbst. Abrupt hält er an. Atmet schwer. Er kann so nicht nach Hause fahren.
Oder doch. Genau so würde er nach Hause fahren. So, wie er war. Wurde Zeit.